08.08.2017

„Gut 1700 m erhebt er sich über dem Tal, auf dessen moorige Wiesen er steil und unvermittelt absetzt. [....] Kein zweiter Gipfel der grünen Mark, weder das mächtige Hochtor, noch der höchste von allen, der Dachstein, macht auf den Beschauer einen so gewaltigen Eindruck wie er, der „Mons Styriae altissimus“. Eine so eigenartige Erscheinung wie den Grimming finden wir weit und breit nicht mehr, und man muß bis in die Dolomiten hinunter gehen, um am Langkofel oder am Monte Pelmo etwas Ähnliches zu sehen. Fast alle die vielbewunderten Größen der Ostalpen, der Dachstein, der Glockner, der Ortler und andere, sind doch nur Spitzen eines ausgedehnten Gebirgsstockes, aus dem sie, mit vielen ihrer Nachbarn zusammengedrängt, gleichsam herauswachsen; der Grimming aber steht, noch mehr als Langkofel oder der Pelmo, frei da wie ein ungeheurer erratischer Block, wie eine von Zyklopen aufgetürmte Stütze des Himmels.“
Fritz Beneschs Beschreibung des Grimmings trifft die Außergewöhnlichkeit dieser Erhebung auf den Punkt und tatsächlich ist sein freistehendes Erscheinungsbild ein Charakteristikum, das seinesgleichen in den Ostalpen sucht. Die imposante Gestalt lockte gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige namhafte Linzer (Damberger, Pitschmann), Grazer (Greenitz, Kaltenbrunner) und Wiener Bergsteiger (Gerin, Hamburger, Plaichinger) um die noch unbegangenen Grate und Schluchten aufzusuchen, von denen es am zerfurchten Grimming nicht mangelt. Doch ein beliebtes Klettergebiet wie der Dachstein, das Gesäuse oder der Hochschwab wurde der Grimmingstock nie und auch im 21. Jahrhundert fristet er unter Kletterern ein Schattendasein.
Der Anstieg durch die Nordwand des Multerecks, des östlichsten Grimming Gipfels, wurde 1907 vom begeisterten Turner und bärenstarken Goldschmied Robert Damberger und dessen Gefährten Fritz Rigele gefunden. Bereits zwei Jahre später - der erste tödliche Absturz: Der Wiener Bergsteiger Edmund Gütl hatte als Vorauskletternder just in dem Moment den Halt verloren, als er versuchte das Seil, das zu kurz war, nachzuholen. Seine sechs Begleiter, Mitglieder der akademischen Sektion des Alpenvereins, hatte er am Tag zuvor im Stiftskeller von Admont kennen gelernt und sich ihnen am nächsten Morgen angeschlossen. Die Absturzstelle kennzeichnet ein oft wasserüberronnener, glatter Kamin, die schwierigste Stelle der gesamten Route.
Den Wiener Alpinisten Peter Holl zog die Nordseite des Grimmings einige Jahrzehnte später ebenso in den Bann. In der ÖAZ 1985 erzählte er über seine Erlebnisse ebendort.
Tour konkret:
Die Multereck Nordwand ist eher als eine Bergtour, denn als reine Klettertour zu bezeichnen. Wenn auch die Wandhöhe sehr gewaltig ist, so beschränken sich die schwierigeren Kletterstellen auf lediglich drei Seillängen, die sich alle in der unteren Hälfte befinden. Doch auch dazwischen heißt es vorsichtig und zügig klettern, denn wie in jeder hohen schrofendurchsetzten Wand ist auch hier die Steinschlaggefahr ein Thema. Die Schlüsselstelle, der Gütl-Kamin, bietet sehr schöne Kaminkletterei in festem Fels.
Der obere Teil der Route fordert eher die müden Oberschenkel als die Kletterfertigkeit.
Zustieg (1 h): Von Klachau (Girtstatt) der Forststraße bis zur Kehre bei der Fleischhackerriese folgen und dort auf Steigspuren zum Einstieg am Wandfuss bei einer breiten rinnenartigen Rampe.
Abstieg (vom Grimminggipfel ca. 3 h): gewöhnlicher Abstieg nach Norden (Kulm), seilversichert (A/B)- markiert - oft begangen, zum Schluss auf der Straße zurück zum Ausgangspunkt. Die Multereck Nordwand wäre für die anschließende Grimming-Überschreitung auch der perfekte „Zustieg“.
Absicherung/Ausrüstung: der Kamin lässt sich mit Klemmgeräten recht gut absichern, zusätzlich steckt der eine oder andere Haken, die anderen beiden Seillängen sind eher schwer zusätzlich absicherbar,
Material: 2-3 Felshaken + Hammer, kleines Set Klemmgeräte + 1 Microfriend, kleines Set Klemmkeile, Einfachseil (60m), Kletterschuhe sind am glattgeschliffenen Gestein von Vorteil. Die Tour hat für erfahrene Alpinisten bei guten Verhältnissen sicher auch im Frühjahr ihren Reiz, wenn die Rinnen noch schneegefüllt sind.
Unsere Begehung: Wir wollten es diesmal ein wenig gemütlicher angehen und so trudelten wir erst zu Mittag in Klachau ein. Einerseits waren wir wenigstens ausgeschlafen, andererseits war es doch ein wenig ungewöhnlich, erst um halb drei nachmittags in eine unbekannte, lange Kletteroute einzusteigen, von der wir nicht allzu viel wussten. Unsere Zeitplanung schien aber vollends aufzugehen als wir mit dem letzten Tageslicht nach einer reibungslosen Begehung der Nordwand den Grimming-Gipfel erreichten. Denn zu viel Zeit wollten wir nicht in der Biwakschachtel verbringen, die uns als Ausgangspunkt für die anschließende Überschreitung dienen sollte; Notfalls hätten wir auch ein Nachtlager in der Route in Betracht gezogen, waren wir mit Schlafsäcken ja schon regelrecht „luxuriös“ ausgerüstet. Der einsetzende Regen zwang uns dann aber doch in die enge Behausung in Gipfelnähe, wo wir zu dritt (ein Weitwanderer aus dem Ötztal(!) gesellte sich zu uns) ein Ölsardinendasein bis zum Morgengrauen fristeten. Das unsichere Wetter am nächsten Tag ließ uns die Entscheidung zum sofortigen Abstieg leicht fallen und auch die Motivation fehlte für die Überschreitung - die „Pflicht“ hatten wir ja bereits erfüllt.
