Peter Holl: Grimming Nordseite

ÖAZ 1985

[ . . . ] Das Wochenende zum 1. Mai.

Ich habe ein schönes Gesamtfoto der Grimming-Nordseite gesehen. Das muß doch eine schöne Wand mit nicht zu langen Zustiegen sein . . . Wie wär`s damit? Ich bin allein und wieder geht‘s per Anhalter ins Ennstal. Das Gepäck ist klein (sogar sehr klein). In Klachau steige ich mit vielem Dank und besten Wünschen für eine gute Weiterfahrt aus einem Auto und mache mich auf den Weg. Weit reicht der Schnee herunter. Das Schlechtwetter der vergangenen Woche präsentiert sich hier. Ich will den Nordwestgrat begehen. Im Wald: Schnee. Ein seelisch fast zerstörend langer, felsdurchsetzter Latschenrücken: Schnee. Entweder gibst du auf (was ich nicht will) oder du wühlst dich unverdrossen, von Geäst zu Geäst hangelnd, hinauf. Die Wickelgamaschen sind im Rucksack. Da oben im Fels ist`s bestimmt aper und ich will keine Zeit mit dem Anlegen der Gamaschen verlieren. Später Nachmittag ist es - aber die Route ist ja nicht schwierig und ich komme bestimmt heute noch bis zur Biwakschachtel am Gipfel. Der Felsteil. Leider ist‘s auch dort winterlich, aber jetzt brauche ich die Gamaschen auch nicht mehr - ich bin bis zur Hüfte hinauf völlig durchnässt. Klettern. Langsam wird es finster. Von der Biwakschachtel ist noch lange nichts zu sehen. Schlafst halt im Gelände . . Auf einer schrägen Plattenschichte richte ich mir das Nachtlager ein. Zwei Mauerhaken werden zur Selbstsicherung geschlagen. Die nasse Hose und die Strümpfe werden ausgezogen und dafür die untere Körperhälfte mit den trockenen Wickelgamaschen versorgt, die Füße kommen in den trockenen Rucksack. Gegenüber die tiefverschneite Nordwand der Schartenspitze - herrlich! Eine Kleinigkeit essen, dann: Biwaksack übergezogen und „Gute Nacht!“ Man kann diese Nacht als wunderschön oder scheußlich bezeichnen. Das Scheußliche: der Biwakplatz ist abschüssiger als ich gedacht habe und ich rutsche zweimal in die Selbstsicherung; zudem ist`s fürchterlich kalt, und bald ist die gesamte Innenseite des Biwaksackes mit Rauhreif überzogen.

Peter Holl (1938 - 2002)

 

zur Person:

Peter Holl, der Wiener Bergsteiger mit einem Faible für Anstiege in Fels und Eis, war ein überaus „geländegängiger“ Vertreter seiner Zunft. Oft im Alleingang unterwegs, hat er so manche Kletteranstiege im Auf- und Abstieg miteinander kombiniert.

 

Bei ca. 250 Erstbegehungen fällt diese Aussage leicht: „Eine Neutour stellt mich absolut vor keine seelischen Probleme und ich mache sie genauso wie andere Touren, d.h. sie gehören bei mir zum ureigensten und wesentlichen Bereich des Komplexes Bergsteigen. Wenn jemand seelisch nicht für Neutouren befähigt ist, fehlt ihm als Bergsteiger etwas.“ 

Erstbegehungen u.a.: Badstubenkesselwandverschneidung (Rax), Ortler Nordwand (Hollführe) Monte Zebru NO-Pfeiler


Die Kleidung ist auch nicht die wärmste - Zähneklappern - entspannt und geschlafen wird wieder einmal viertelstundenweise. Das Schöne (und dieses überwiegt): Die nächtliche, tief verschneite Nordwand der Schartenspitze gegenüber, kein Laut ist zu hören. Im Tal sieht man einige Lichter von Häusern und fahrenden Autos; sie werden immer spärlicher - dann nur mehr der Sternenhimmel und die Landschaft aus Fels und Schnee. Langsam wird der Himmel grau - die Nacht hätte ich auch hinter mich gebracht - auf die wärmenden Sonnenstrahlen brauche ich jedoch nicht zu warten, da ich westseitig biwakiere. Also auf! Je schneller du zusammenpackst, desto früher kommst du in die Sonne! Von dauerndem Zähneklappern unterbrochene Umkleideszene in die steifgefrorenen Sachen. Je „lockerer“ man die Zähne klappern lässt, desto mehr entspannt es - nur keine Zurückhaltung auferlegen! Steife Kletterbewegungen, es ist nur gut, dass das Gelände nicht zu schwierig ist. Auf der Gratschneide die ersten Sonnenstrahlen. Sie wärmen zwar nicht, geben aber die Illusion von Wärme.

Bald bin ich am Gipfel. Die Biwakschachtel finde ich erst nach einigem Suchen; sie ist aber im Inneren nicht sehr einladend und ich gehe gleich weiter. Abstieg nach Nordwesten ins Schartenkar. Dort soll ein alter bezeichneter und versicherter Weg ins Tal führen. Im Wald endet dann irgendwo der Schnee. Ab nun trocknet die untere Körperhälfte wieder langsam auf, was ja auch schon deshalb wichtig ist, da ich heute noch per Anhalter nach Wien will.

Die Grimming-Nordseite lässt mich nicht in Ruhe. Ihre Wandflucht ist über einen Kilometer breit; die Touren: na ja - nach meinem bisherigen Augenschein als Klettereien eher „mittelschön“, dafür aber eine großartige Landschaft mit wilden Schluchten zwischen den verschiedenen Gratrippen. Im „Gebirgsfreund“ lese ich von der Erstbegehung der Multereck-Nordkante, die von den Erstbegehern „Das Schwert“ bezeichnet wird. Diese ist, zum Alleingehen, für mich sicher zu schwierig - aber Hinschauen kostet ja nichts. Wieder steige ich oberhalb Klachau aus einem Auto, das mich als Anhalter mitgenommen hat. Kurzer Weg über Schuttfelder zum Wandfuß. Hier beginnen die Felsen sofort, was ich im Vergleich zum Grimming-Nordwestgrat als angenehm finde. Die Nordkante „vergesse“ ich allein lieber - links daneben geht eine Nordwandroute hinauf. Erstbegeher: Damberger und Rigele. „Sehr schwierig“ steht im Führer. Da ich mit den beiden Namen im jugendlichen Unwissen nichts verbinden kann, denke ich, es wird schon „so ein Dreier sein . . .“ Eine leichte Schlucht, dann: verblüfftes Schauen. Also, wenn das „Drei“ ist . . . ! Fangst halt einmal zum Klettern an. Das Ganze riecht bald nach einer oberen „Vier“, aber der Fels ist gut und das Klettern macht Spaß. In halber Wandhöhe (hier besser: Bergeshöhe): Ende der Kletterei. Es beginnt ein erbärmlicher Latschenritt, der nur mit Unverdrossenheit zu erledigen ist. Fazit: Auf der Grimming-Nordseite kannst es dir aussuchen: entweder hast du unten die Latschen und oben den Fels - oder unten den Fels und oben die Latschen. Irgendwo hat man sie zuverlässig. [ . . . ] 

Das zweite Gesicht des Grimmings: hervorragende Genusskletterei ohne Leerläufe über 700 Meter Felshöhe. Da gibt es doch zwischen dem Dambergerweg in der Multereck - Nordwand und der Nordostwand des Berges noch eine breite unbegangene Wandfläche. Ja, ja - schon gut! Trotzdem mache ich mit der Familie eines Tages von der Triebentalhütte aus (sie ist jeder Jahr für einige Wochen unser Familiensommerquartier) mit dem Auto einen Ausflug rund um den Grimming: Ein Feldstecher leistet dann beim Wandstudium aus verschiedenen Blickwinkeln ausgezeichnete Dienste. Das Ergebnis des Studiums: also links, am die Nordwand begrenzenden Pfeiler, gibt‘s zu viele Latschen: der zentrale Wandteil sieht sehr schwer aus, aber etwas rechts davon sehe ich eine Möglichkeit, bis zum Ausstieg des Dambergerweges in selbstständiger Routenführung emporzusteigen. Einige Tage später stehe ich unter der von mir gefundenen „Möglichkeit“. Gemischte Gefühle. Gar so leicht sieht das gar nicht aus - aber eigentlich wolltest du doch . . . Also klettere ich, jedoch nicht lange. Leicht ist es nicht und ich habe „es“ mir eigentlich anders vorgestellt. Nachdem ich den dritten Haken geschlagen habe, verzichte ich dankend und seile wieder ab. Ich sitze im Schutt und bin etwas verdrossen. Was soll ich jetzt machen? Zum Heimgehen ist‘s mir zu zeitig - und mich freut derzeit gar nichts. Also bummle ich unter dem Wandfuß entlang nach Osten. Jetzt stehe ich unter dem zentralen und so schwierig vermuteten Wandteil. Da geht‘s doch! Das ist doch kletterbar! Ein glatter Einstiegsriss - und dann Klettern, Klettern, Klettern! Kein Schutt, nur eisenfester Fels-, und das nicht zu schwierig. Nach ungefähr 200 Metern gibt‘s mir (bildlich gesprochen) „einen Schlag ins Gehirn“: Das gibt‘s doch nicht - das ist ja die reinste Genusskletterei und nirgends besonders schwierig - und das in einer völlig abweisenden Wand! Hoffentlich geht‘s so weiter!  Eine kleingriffige Verschneidung soll die Schlüsselstelle bilden, ungefähr 300 m ober dem Wandfuss gibt‘s den ersten kleinen Schuttfleck. Nach weiteren 200 m stehe ich in einer Scharte und betrachte das Gelände. Bis jetzt war alles ideal - sollte jetzt das dicke und übliche „Grimming-Ende“ kommen? Es kommt nicht! Nach ungefähr achtzig Metern Latschenkampf setzt sich die Genusskletterei, wenn auch leichter, fort. Das Gelände ist jetzt dem Kederbacherweg in der Watzmann-Ostwand ähnlich. Der Ausstieg. Vor 2 1/2 Stunden bin ich in die Wand eingestiegen. Und jetzt? Der Abstieg über den Normalweg zurück zur Nordseite scheint mir zu zeitraubend und ich wähle deshalb den Dambergerweg in der Nordwand als Rückweg. Vor etwa zwanzig Jahren bin ich ihn „hinauf“ und gar so schwer wird der ja nicht sein . . . Wie die Erinnerung trügt. Bald stehe ich in einem glatten Riss und schlage einen Abseilhaken. Das Seil reicht gerade bis zum nächsten Absatz. Wo ich da damals hinaufgeklettert bin weiß ich nicht mehr - die Erinnerung lässt aus. Weiter. Wieder schlage ich einen Abseilhaken . . . Also: für den wahrscheinlich in Zukunft üblichen Begeher meiner neuen Route möchte ich den Dambergerweg nicht als Abstieg empfehlen! Nach zwei Stunden sitze ich am Wandfuss und trinke aus der Feldflasche. Ich bin glücklich und zufrieden. Schutt und zuletzt schwellender Waldboden bringen mich zum Auto.