18.08.2017

Salzwänd Westwand (ursprünglich Mitterbergwand Westwand)

5-, 245m

völlig unbekannte Route im Urzustand, tolles Abenteuer

rot - Salzwänd Westwand, blau - Variante
rot - Salzwänd Westwand, blau - Variante

Ein gewisser Albin Roessel, der schon 1919 die Lechnermauern auf der Rax als Klettergebiet entdeckt hatte, konnte im Juli 1920 auch im Schneealmgebiet die klettermäßige Erschließung beginnen und noch im selben Jahr für lange Zeit nahezu abschließen:

  • Donnerwand Ostwand Kaminreihe (4. Juli 1920)
  • Mitterbergkogel Westgrat (11. Juli 1920)
  • Mitterbergwand Westwand (11. Juli 1920)
  • Rauhenstein Westgrat (25. Juli 1920)
  • Donnerwand direkte Ostwand (26.9.1920)

Neben der Donnerwand, geografisch gegenüber gelegen, hatte er mit seinen Gefährten einen hervorragenden Anstieg durch die pralle Westwand der Mitterbergwand gefunden. Die ursprüngliche Namensgebung ist dabei aber sehr verwirrend, da es sich weder um die Kleine Mitterbergwand handelt, noch eine andere Mitterbergwand in diesem Gebiet zu finden ist. Es handelt sich dabei vielmehr um den felsenreichsten Wandabschnitt der als Salzwänd bezeichneten Felswand mit der Höhenangabe 1658 m.   

Der Fels ist überwiegend fest und die Kletterlinie beeindruckt mit ihrer Eleganz und Kühnheit. Denn der logischste Weg verlangt im Mittelteil einen immens ausgesetzten Quergang in senkrechter Wand. Dabei kann man von Glück reden, dass die Erstbegeher nicht doch, wie beabsichtigt, den steilen, schwierigen Körperriss/Kamin in der 1. Seillänge genommen haben, um auf das darüber liegende Band zu gelangen. Der Seilerste sei nach halbem Weg im Kamin wieder umgekehrt um „Zeit, Kraft und Anzug zu sparen“ wie Roessel in seinem Bericht schreibt. Die genaue und unmissverständliche Wegbeschreibung Roessels lässt keinen Zweifel bezüglich der Routenführung bei der eigenen Begehung offen (ÖAZ 1921):

 

„(. . . )Von der Kleinbodenalm führen Jagdsteige in den Winkel zwischen dem die Wand angelehnten türmigen Grat und deren Südhälfte. Schrofen bringen aus ihm nach Süden auf eine Rippe und von ihrer Höhe ein Band in die Scharte am Ende des türmigen Grates. ( . . . ) Hierauf folgten wir dem Band jenseits der Scharte, stiegen durch einen ganz kurzen Kamin auf die darüber befindliche Rampe, über sie auf ein Schärtchen oberhalb des ersterwähnten Kamins und über ein Band auf ein zweites Schärtchen, wo wir 3 Meter tiefer in der senkrechten Wand ein schmales, vollkommen überwölbtes Kriechband mit sperrenden Blöcken erblickten. Unter Benützung guter Sicherungsmöglichkeiten schwangen wir uns starken Willens um zwei dieser Blöcke, den dritten erklimmend. Hierauf schoben wir uns durch das sich nun steil aufschwingende Band (schiefer Kamin) weiter, erkletterten über eine Stufe ein nach Norden in einen Kessel bringendes Band und aus ihm durch eine Kaminreihe den Gipfel (2 Stunden)“ 

 

Auch hundert Jahre nach der Erstbegehung findet man den Anstieg ohne jegliche Begehungsspur vor. Nicht ein Haken steckt in den teilweise ausgesetzten Passagen und so kommt man in den Genuss diese Route im originalen Urzustand „Roessel 1920“ begehen zu dürfen. Der zeit-, kraft- und anzugraubende Kamin wartet wohl immer noch auf seine erste Begehung. Am selben Tag wurde damals auch noch der Westgrat des Mitterbergkogels (gemeint ist das "Gamskircherl") begangen. Roessel darüber: 

 

„Die Felsen an ihrem tiefsten Punkt betretend (1/2 Stunde von der Kleinbodenalm) stiegen wir durch einen von einer losgelösten Platte gebildeten Spalt auf eine Scharte und über eine Stufe auf ein nach Norden führendes Band, dem wir ebenso wie einem über seinem Ende beginnenden Bande entgegengesetzter Richtung folgten. Hierauf erstiegen wir eine wulstige Rinne und kamen nach rechts auf die Kante. Die Südflanke überblickend, stiegen wir gerade empor, erst sehr plattig, dann durch einen Kamin. Schließlich gelangten wir leicht in die Scharte nördlich vom Gipfelturm (1 1/2 Stunden)“.

 

Zugegeben, als eindrucksvoller Gipfel ist der Punkt 1658 m nicht zu bezeichnen, dennoch genießt man am Ausstieg eine großartige Rundumsicht. Schon Kaiser Franz Joseph I. hatte an diesem herrlichen Plätzchen seinen Jagdstand eingerichtet, den er über eine leiter- und kettenversicherte Schwachstelle der Salzwänd erreichte. Von dieser „Kaisersitz“ genannten Stelle hatte er 1893 seine 1000 Gams erlegt, woraufhin von der Höhe der Burgwand eine Jagdweise herüber hallte.

 

Tour konkret:

Die Kletterroute sucht sich geschickt den einfachsten Weg durch das steile Gemäuer. In der zweiten Seillänge wurde von uns eine schwierigere Variante geklettert, die aber von den Schwierigkeiten homogen mit dem Rest der Route ist. Den Schlüssel zum Erfolg stellt das sehr ausgesetzte, überwölbte Band in der 4.Seillänge dar (Einzelstelle 5-). Auch die Felsqualität weiß meist zu überzeugen, sogar die anfänglichen Schrofen sind sehr gutmütig und schön zu klettern. In der Mitte der 2. Seillänge sind kurz ein paar brüchige Meter im 3. Grad zu meistern, das Band der 6. Seillänge ist grasig.

 

Zustieg (1,5 h): vom Ghf. Leitner in Neuwald eine Forststraße etwa 2 km bis knapp vor das Kleinbachtal verfolgen, beim Wegweiser „Windberg“ rechts Richtung Kleinbodental abbiegen. Kurz nachdem der Weg den Kleinbodenbach kreuzt bei Steinmännern den Weg steil durch den Wald Richtung Salzwänd verlassen. Man erreicht den NW-Grat, an dessen rechter Seite man direkt zum Einstieg geleitet wird.

 

Abstieg (1,5 h): vom Gipfel den verwachsenen Latschenkamm in nördlicher Richtung verfolgen. Der frühere leiterversicherte Steig nach Westen ist leider verfallen und nicht mehr begehbar, man kommt aber relativ gut zwischen der "Rauen Wand" und der "Hohlen Mauer" hindurch. 

 

Absicherbarkeit: Es befinden sich keine Haken im Anstieg, diese sind besonders für das Einrichten der Standplätze unbedingt notwendig. Zur Zwischensicherung sind Klemmgeräte und Friends (v.a. in SL 2+4) mitzuführen, Sanduhren spielen gar keine Rolle, Felsköpfel können unterstützend zur Standplatzsicherung verwendet werden. Aufgrund der Quergänge sollte auch der Nachsteiger den Schwierigkeiten gewachsen sein. Das Grasband in der 6.Seillänge lässt sich kaum absichern (SG 2).

 

 

Topo Salzwänd Westwand
Topo Salzwänd Westwand
Download
Salzwänd Westwand.pdf
Adobe Acrobat Dokument 108.0 KB